1. – 6. Schuljahr

Ramona Benkenstein

„Das hast du gut gemacht!

Mündliche Erzählungen beobachten und bewerten

Das Beurteilen und Bewerten hat nicht den besten Ruf und ist beim mündlichen Erzählen mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Im folgenden Artikel werden nach einer kurzen begrifflichen Klärung der Termini Ideen zum Reflektieren, Beurteilen und Bewerten aus der und für die Praxis vorgestellt.

Reflektieren, Beurteilen und Bewerten
Die drei Begriffe Reflektieren, Beurteilen und Bewerten werden so vielfältig verwendet, dass zu Beginn eine kurze Klärung notwendig ist. Während im Kontext Erzählen das Reflektieren das Nachdenken über die Erzählung ist, enthalten Beurteilen und Bewerten neben dem beschreibenden vor allem einen einschätzenden Aspekt. Die Verwendung der substantivierten Verben vermittelt dabei einen prozeduralen Eindruck, während die Begriffe Beurteilung und Bewertung etwas Endgültiges bzw. Unabänderliches suggerieren, was für die Kompetenzentwicklung wenig förderlich ist.
Die Einschätzung kann auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen: Lehrerinnen und Lehrer sind oft gefordert, ihr Urteil in Form von Worturteilen zur Leistungs- und Verhaltensentwicklung auf Zeugnissen abzugeben. Das Bewerten bzw. die Leistungsbewertung ist im Kontext der Notengebung meist genau geregelt. Im Folgenden soll daher nicht die Leistungsbewertung im Mittelpunkt stehen. Die Kriterien für diese lassen sich jedoch aus den hier vorgestellten Vorschlägen zum Reflektieren und Beurteilen ableiten.
Die Schwierigkeiten beim Beurteilen
Das Beurteilen gestaltet sich besonders beim mündlichen Erzählen als schwierig. Dennoch ist es für die Kompetenzentwicklung wichtig. Schwierigkeiten bereitet vor allem die Flüchtigkeit des Mündlichen. Über eine Erzählung zu reflektieren und sich auszutauschen ist eine Herausforderung für alle. Wer hat gehört, dass Sabrinas Erzählung wenige Adjektive hatte? Sie hat doch mit ihrer Stimme spannend erzählt.
Schwierig sind der individuelle Kontext und die Zuhörerschaft. Kommunikation findet immer gemeinsam statt: Die Erzählerin und der Erzähler passen ihr Sprechen an die Zuhörer und an den Kontext an. Sie wollen zum Beispiel im Erzählkreis etwas aus der vorherigen Geschichte nicht wiederholen und nutzen einen anderen Gegenstand, der dann nicht so gut passt. Ist das dann schlechter zu bewerten oder, als Ausdruck kommunikativer Kompetenz, positiv?
Schwierig ist darüber hinaus die Gradwanderung zwischen Motivation und Demotivation. Während eine Schülerin motiviert durch das Feedback an ihren Fähigkeiten arbeitet, übt und besser werden möchte, ist eine andere Schülerin durch die Rückmeldung so demotiviert, dass sie nie wieder erzählen will.
Schwierig ist nicht zuletzt die Objektivierung der Beurteilung und Bewertung. Die Fähigkeit zwischen Freundschaft und Beurteilung zu unterscheiden, der positive Aspekt des Helfens und die Offenheit sind Kompetenzen, die ausgebildet werden müssen. Dazu kommt, dass in der Formulierung wie „Alles war schön oft auch eine Sprachlosigkeit steckt. Das Beurteilen von mündlichen Erzählungen braucht Wörter zur Bezeichnung verbaler sowie nonverbaler Aspekte, die die Kinder oft erkennen, aber nicht benennen können.
Kriterien zum Beurteilen
Spricht man das Beurteilen und Bewerten von mündlichen Erzählungen an, sieht man sich oft mit der Kritik konfrontiert, dass dadurch die Motivation der Kinder zerstört werden könne. Selbstverständlich lässt sich diese Gefahr nicht wegdiskutieren. Betrachtet man jedoch „die Unterstützung und Förderung mündlicher Erzählfähigkeit als zentrales Ziel des Deutschunterrichts in der Grundschule (Olhus/Stude 2012, S. 471), ist die Rückmeldung für die Entwicklung der narrativen Kompetenzen unabdingbar. Nur so kann die Erzählerin erfahren, was sie schon gut kann und auf welche Bereiche sie sich beim Üben konzentrieren muss. Hinzu kommt, dass Kompetenzerwerbsprozesse nicht von selbst und ganz natürlich ablaufen, sondern Anregungen...

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