3. – 4. Schuljahr

Claudia Rathmann

Aber sag es keinem weiter

Ein Bilderbuch nacherzählen

Eine ganz besondere Erzählkultur ist der Humus, auf dem die Geschichte gedeiht, die das Bilderbuch „Ein Gerücht geht um in Baddbaddpur erzählt. Sie verbindet Freude am Fabulieren mit einer festen Erzählstruktur und eignet sich deshalb ganz besonders als Lehrstück in Sachen Erzählen.

Der palästinensische Erzähler und Schriftsteller Salim Alafenisch beschreibt in einem Interview, wie sehr das mündliche Weitergeben von Märchen, Legenden und Sagen zum Alltag in der arabischen Welt gehört: „In den langen Nächten wird in geselliger Runde am Lagerfeuer erzählt. Die Geschichten dienen nicht nur der Unterhaltung, sie vermitteln auch kulturelle Werte, dienen der Sozialisierung. (vgl. Link) Eine besondere Chance der oralen Überlieferung besteht für Alafenisch darin, dass sich die Geschichten verändern, verfeinern und weiterentwickeln lassen.
Ein Gerücht geht um
Um eben darum geht es in dem mehrsprachigen Bilderbuch „Ein Gerücht geht um in Baddbaddpur von Anushka Ravishankar. Das Buch ist 2013 in der Edition Orient erschienen und kann in zwei Ausgaben erworben werden. Ausgabe A enthält die Sprachen Deutsch, Hindi, Bengalisch und Urdu. In Ausgabe B ist der Text in Englisch, Tamil, Malayalam und Deutsch abgedruckt, wobei jeweils der deutsche Text im Vordergrund steht und die Übersetzungen auf den Innenseiten von ausklappbaren Bildtafeln abgedruckt sind.
Worum geht es?
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf mit Namen Baddbaddpur. Die Menschen hier sind zufrieden und glücklich. Weil das Land fruchtbar ist, verdienen sie gut und müssen nur wenig arbeiten. In ihrer freien Zeit erzählen sie einander Geschichten. Einige davon „waren so versponnen, dass man daraus einen Faden bis zu den Sternen hätte spinnen können (Ravishankar 2013).
Pandurang, die Hauptfigur des Buches, ist anders. Er redet kaum ein Wort, und noch nie hat ihn jemand lachen sehen. Doch gerade er wird zum Auslöser der unglaublichsten Geschichte, die die Bewohner des Dorfes je gehört haben. Als Pandurang eines Tages aus der Stadt zurückkehrt, bekommt er einen Hustenanfall und spuckt eine weiße Feder aus. Irritiert läuft er nach Hause, um seiner Frau alles zu erzählen. Auch Gangubai ist verwundert, und dann entwickelt sich ein Dialog, der sich von Seite zu Seite wiederholt.
„Wie das?
„Ich weiß es nicht. Aber sag es
keinem weiter …“
„Natürlich nicht!
Doch kaum hat Pandurang sich zur Mittagsruhe gelegt, macht sich seine Frau auf den Weg zu ihrer Freundin und erzählt ihr die seltsame Geschichte und noch ein kleines bisschen mehr: In Gangubais Erzählung kommt nicht eine Feder, sondern ein ganzer Vogel aus Pandurangs Mund geflogen. Man kann sich die Verwunderung der Freundin vorstellen („Wie das?), die nun ihrerseits ermahnt wird, diese Sache auf keinen Fall weiterzuerzählen. Doch wer in Baddbaddpur könnte eine solche Geschichte für sich behalten? Kaum ist die Freundin gegangen, macht sich auch Sakubai auf den Weg So geht das Gerücht von Mund zu Mund, und jeder dichtet noch ein kleines Detail hinzu, bis am Ende aus der Feder in Pandurangs Mund ein Urwald mit Vögeln und wilden Tieren geworden ist.
Die Fantasie und Erzählfreude der Dorfbewohner werden von der indischen Illustratorin Kanyika Kini ausdrucksstark ins Bild gesetzt. Von Seite zu Seite werden weitere verrückte Details hinzugedichtet. Dabei wird die Freude vor dem Umblättern noch dadurch gesteigert, dass wir ja schon ahnen, dass sich das Gerücht immer weiter ausbreiten wird.
Gemeinsam Geschichten erzählen
Die Geschichte von der verschluckten Feder, aus der ein ganzer Urwald wird, ist als Erzählanlass besonders geeignet, denn sie verbindet die Freude am Fabulieren und am Entwickeln fantastischer Ideen mit einer festen Erzählstruktur aus sich stets wiederholenden Elementen. Zugleich wird das besondere Verhältnis von Erzählen und Zuhören deutlich. Erzählen funktioniert nur, wenn es einen interessierten...

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