3. – 6. Schuljahr

Nicole Terres

Literarisches Lernen inklusiv

Ein Bilderbuch zum Leben erwecken

Poetische Lernerfahrungen machen das können die Kinder hier in der Auseinandersetzung mit einem Bilderbuch. Dafür treten sie in einen offenen, dialogischen Austausch mit Bildern, Text und den anderen Kindern ein Austausch, der neben der Äußerungsbereitschaft auch das Textverständnis fördert.

Ein Titelbild ohne Titel
Ein kleiner Junge mit fremdländischem Aussehen schippert mit ängstlich verzerrtem Gesicht auf einem kleinen Boot durchs Wellengetürm. Im Hintergrund hört man das Tosen des Meeres und aufgeregtes Möwengeschrei
Es sind nur die hochkopierte Titelillustration eines Bilderbuchs an der Tafel und der Sound eines kleinen CD-Players, doch die zehn Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse einer Förderschule tauchen an diesem tristen Januartag aus ihrem Stuhlkreis ab in eine andere Welt: Sie begeben sich in der heutigen, ersten Doppelstunde unserer Unterrichtsreihe mit dem kleinen Fischer Tong auf eine literarische Reise (Kasten 1).
Kasten 1
Kasten 1
Der kleine Fischer Tong
Der kleine Tong lebt auf sich allein gestellt in einer Bambushütte am Rand einer Großstadt. Als er bei einem Sturm zum Fischen aufs Meer hinausfährt, fängt er ein großes Skelett, das ihn bis zu Hause verfolgt. Das Skelett erweist sich als außerordentlich fürsorglich, sodass Tong allmählich Zutrauen gewinnt und den traurigen Knochenmann willkommen heißt und umsorgt. Das führt zu einer Verwandlung des nun gar nicht mehr unheimlichen Wesens, das plötzlich als großer Fischer vor dem Jungen steht. Wie Vater und Sohn ziehen die beiden nun gemeinsam zum Fischen aufs Meer.
Chen Jianghong
Der kleine Fischer Tong
Frankfurt a.M.: Moritz Verlag 2014
16 €, ab 6 Jahre
Von der Bildwahrnehmung zur Sprachbildung
Doch was treibt der kleine Fischejunge dort ganz allein inmitten hoher Wellen? „Der hat keine Eltern mehr und ist ganz allein. Die Eltern sind tot, stellt Elif nüchtern fest, nachdem wir einige Zeit schweigend das Bild betrachtet haben, und erfährt Zustimmung. Der literarische Topos des Waisenkinds, das gefährliche Abenteuer erlebt, ist auch unter den Förderschülern nicht unbekannt, die in den kommenden Wochen ihre literarischen Kompetenzen noch häufiger unter Beweis stellen werden.
Wir nehmen uns Zeit, das Bild in all seinen Einzelheiten zu betrachten und zu beschreiben, finden passende Begriffe, deuten die Situation und antizipieren, was wohl folgen mag. Es gibt kein Richtig oder Falsch, keine Bewertung der Aussagen, nur zuweilen Schwierigkeiten, für das Gedachte den passenden sprachlichen Ausdruck zu finden. Elif schlägt einen Titel vor: „Der kleine Chinese. Den tatsächlichen Titel habe ich vorher, genauso wie den gesamten Text des Buches, wegretuschiert, denn zunächst wollen wir uns ganz auf die Bilder fokussieren und sie als Sprechanlässe nutzen.
Erst nach der ausführlichen Besprechung lese ich den Text vor. Meist wird er von den Kindern erzählend vorweggenommen. Das jeweilige Einzelbild hängt nicht nur im Großformat an der Tafel, es wird zusätzlich auch von Sprecher zu Sprecher herumgereicht. Wir bilden eine Redekette und erhöhen so den Sprechanteil jedes Kindes. Werden mögliche Satzanfänge vorgegeben (Ich sehe / Ich erkenne / Ich vermute ), so fällt es Kindern, die Schwierigkeiten haben sich zu artikulieren, leichter, ihre Wahrnehmungen in Sprache zu fassen.
Das Geschriebene zum Leben erwecken
„Man darf nie aufs Meer hinaus, wenn die Wolken schwarz wie Ruß sind und die Vögel ans Ufer flüchten, hatte Tongs Vater dem kleinen Jungen immer gesagt. Doch Tong widersetzt sich der Anweisung. Das kann Justin gut verstehen: „Ich höre auch nie auf meinen Papa! Auch Begründungen liefern die Kinder: „Der fährt raus, weil er wütend ist auf seinen Vater! Oder ganz basal, weil er Hunger hat. Weltwissen und narratives Wissen, persönliche und im weitesten Sinne literarische Erfahrungen kommen in den Kommentaren zum Ausdruck.
In...

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