1. – 6. Schuljahr

Anja Wildemann und Annette Kracht

Deutschunterricht FÜR alle und MIT allen

Mit Vielfalt im Unterricht planen und gestalten

Schülerinnen und Schüler in ihrer Vielfalt wahrzunehmen, anzuerkennen und individuell zu fördern sind zentrale Anforderungen eines inklusiven Unterrichts. Wie das aussehen kann, wird aus Sicht der Grundschul- und der Sonderpädagogik dargestellt, um daraus eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln.

Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich im Deutschunterricht der Grundschule unter verschiedenen individuellen Voraussetzungen mit sprachlichen Lerngegenständen und zwar schon immer. Diese Tatsache wurde bislang in der Alltagspraxis des Unterrichtens mehr oder weniger gut berücksichtigt. In den letzten Jahren ist das Thema „Unterricht für alle und „Unterricht mit allen dann vor allem durch das gesellschaftlich forcierte Thema Inklusion auch in Bildungseinrichtungen virulent geworden. Es sei daran erinnert, dass durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 ein „inklusiver Paradigmenwechsel für das deutsche Bildungssystem eingeleitet wurde (Bertelsmann Stiftung 2016, S. 7).
Eine grundschulpädagogische Sicht auf Inklusion
Themen wie Heterogenität und Vielfalt auf der einen und Individualisierung und Differenzierung auf der anderen Seite sind Grundschullehrerinnen und -lehrern sowohl aus ihrer Ausbildung als auch aus ihrer Unterrichtspraxis bekannt. Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen sozialen, sprachlichen und kulturellen Kontexten sind hinsichtlich ihrer Lernvoraussetzungen und Lernpotenziale verschieden und benötigen daher differenzierte Lernangebote und gegebenenfalls auch individuell auf sie abgestimmte Fördermaßnahmen.
Das stellt komplexe Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer. Der Umgang mit (sprachlicher) Heterogenität ist also kein neues Phänomen, aber der Unterrichtsalltag hat sich vor dem Hintergrund von Inklusion, Migration und Flucht verändert (s. Wildemann 2017). Das Ziel der „(sprachlichen) Bildung für alle ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus des Unterrichts gerückt. Eine Folge davon ist, dass Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen mehr denn je gefordert sind, die Fähigkeiten und Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler diagnostisch zu erfassen und ihren Unterricht darauf abzustimmen.
Inklusion beginnt in der Grundschule nicht erst dann, wenn behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen lernen, sondern immer dann, wenn unterschiedliche Kinder miteinander lernen. Dabei reicht die Bandbreite von minimalen bis hin zu weitreichenden Unterschieden. Das können beispielsweise sein: unterschiedliche Lerntempi, eine Bandbreite an Lesekompetenzen in einer Klasse, motivationale Differenzen, graduelle Unterschiede in der Schreibkompetenz, unterschiedliche kognitive Voraussetzungen, verschiedene Spracherwerbskontexte, die die Beherrschung der deutschen Sprache beeinflussen und vieles mehr.
Ein inklusiver Deutschunterricht berücksichtigt diese unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, Kompetenzen, Erfahrungen und Lernverläufe der Schülerinnen und Schüler. Es geht dabei nicht um die Anpassung eines Kindes an eine Mehrheit, sondern um individuelles und daher individualisiertes Lernen.
Für die Grundschule hat der sprachliche Anfangsunterricht einen besonderen Stellenwert, nicht weil die Kinder „heterogener sind als anderswo, sondern weil alle Kinder hier erstmals das System Schule kennenlernen. Es ist also der „Situation des Schuleingangs geschuldet, dass Lehrkräfte in besonderem Maße aufgefordert sind, individuelle Lernausgangslagen zu erfassen und Heterogenität damit für ihren Unterricht [] produktiv zu nutzen (Wildemann 2017, S. 27). Über den Anfangsunterricht hinaus gilt jedoch für die gesamte Grundschulzeit, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Individualität wahrzunehmen, anzuerkennen und zu fördern.
Eine sonderpädagogische Sicht auf Inklusion
Eine sonderpädagogische Perspektive zeichnet sich gegenüber einer...

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