2. – 4. Schuljahr

Claudia Rathmann

Zuhause(kann überall)sein

Fremdheitserfahrungen ausdrücken und teilen

Für Kinder mit Fluchterfahrung gehören das Gefühl des Fremdseins und die Suche nach einem neuen Zuhause zu ihrem Alltag. Darüber zu sprechen, fällt oft schwer. Im Gespräch nehmen sie Anteil an den Erfahrungen einer Protagonistin, der es ganz ähnlich ergeht und haben Gelegenheit, ihre Erlebnisse und Empfindungen mit anderen zu teilen. Zugleich stellen sie fest, dass auch andere sich manchmal fremd fühlen.

„Zuhause kann überall sein ist ein Bilderbuch von Irene Kobald und Freya Blackwood. Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Wildfang, das nach seiner Flucht in einer fremden Stadt ankommt und versucht, dort heimisch zu werden. Eindrücklich schildert die Autorin, wie die Protagonistin das Neue um sich herum wahrnimmt: „Die Leute waren fremd. Das Essen war fremd. Die Tiere und Pflanzen waren fremd. Sogar der Wind fühlte sich fremd an. Niemand sprach so wie ich. Wenn ich auf die Straße ging, fühlte es sich an, als stünde ich unter einem Wasserfall aus fremden Wörtern. Und der Wasserfall war kalt. Dann fühlte ich mich allein. (Abb.1 )
Eine kalte Dusche aus fremden Wörtern
Das Empfinden von Fremde steht im Zentrum des Buches und stellt das wesentliche Element der Flucht dar. Dabei wird deutlich, wie entscheidend es ist, dass Wildfang die Sprache der Menschen um sie herum nicht versteht. Wie eine „kalte Dusche wirken die fremden Wörter, die im Buch als Fontäne spitzer, kleiner Gegenstände und Formen in fahlen Blautönen dargestellt werden.
Sie stehen im Kontrast zu den warmen Rottönen, in die Wildfang gekleidet ist und mit denen auch ihre Erinnerungen an zu Hause und die ihr vertraute Sprache dargestellt werden. Aus ihnen hat sich das Mädchen eine Decke gewebt, unter der es Zuflucht findet. Die Decke als Symbol für Wärme und Geborgenheit ist ein zentrales Motiv des Buches, was nicht zuletzt im englischen Originaltitel „My two blankets (Meine zwei Decken) deutlich wird. Im Verlauf der Geschichte lernt Wildfang durch ihre neue Freundin immer mehr Wörter der neuen, fremden Sprache kennen und webt sich daraus eine zweite Decke: „Heute ist meine neue Decke genauso warm, weich und gemütlich wie meine alte. Und ich weiß, dass es egal ist, welche Decke ich benutze, denn Ich bin immer ich!
Wildfangs Geschichte ist eine Fluchtgeschichte doch die Erfahrungen, die das Mädchen macht, sind universell. Jedes Kind kennt dieses Gefühl, neu und fremd zu sein, spätestens wenn der Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule ansteht. Und auch die Erfahrung, nicht zu verstehen, was andere sagen, ist sicher dem Einen oder der Anderen vertraut, etwa aus dem Urlaub. Die nachfolgende Unterrichtsidee knüpft bei den persönlichen Erfahrungen der Kinder an und verbindet diese mit dem Nachdenken über die Bedeutung von Sprache und Schrift.
Zuhause sein sich fremd fühlen
Zum Einstieg präsentiere ich den Kindern das Cover des Bilderbuchs mit der Dokumentenkamera. Möglich ist auch, das Bilderbuch einfach nur im Kreis zu zeigen. Die Kinder stellen sofort Vermutungen an, worum es im Buch gehen könnte. „Da ist ein Mädchen, das von zu Hause weggehen musste, vermutet Fiona, „wahrscheinlich weil Krieg war. Die Flüchtlingsthematik ist den Schülerinnen und Schülern der Klasse vertraut. Sie lernen gemeinsam mit vier Kindern, die aus unterschiedlichen Ländern geflohen und nach Deutschland gekommen sind. Und obwohl Betu, Sina, Asra und Muhammed nur sehr wenig über sich erzählen, spüren wir oft, dass sie ihr Zuhause vermissen.
Wir überlegen gemeinsam, was eigentlich ein Zuhause ausmacht. Was gehört dazu? „Zu Hause ist alles so, was man kennt, fasst Timo unsere Sammlung zusammen. Und wenn man nicht zuhause ist? Was ist dann anders? Wie fühlt sich das an, wenn man irgendwo fremd ist?
Die Kinder erhalten nun die Aufgabe, eine Situation zu malen oder aufzuschreiben, in der sie sich fremd gefühlt haben. Alle gehen motiviert an die Arbeit....

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