1. – 6. Schuljahr

Claudia Rathmann

Wie lesen Kinder Bilderbücher?

Auf den zweiten Blick kommt es an

Bilderbücher zu lesen ist alles andere als ein „Kinderspiel. Es erfordert vielfältige Kompetenzen im Umgang mit den verschiedenen Modalitäten im Buch. Dabei kommt dem bewussten Sehen und Entschlüsseln von Bildern eine besondere Bedeutung zu.

Bilder sind primär visuelle Phänomene. In Bilderbüchern haben sie eine erzählende Funktion. Sie können „simultan stattfindende Ereignisse, einen Erzählverlauf und auch komplexe narrative Zusammenhänge zeigen (Uhlig 2014, S. 11). Dabei kann das Zusammenspiel mit dem Schrifttext sehr unterschiedlich organisiert sein (vgl. Zur Sache). Hinzu kommt, dass gerade zeitgenössische Bilderbücher ihre Leserinnen und Leser oft mit einer anspruchsvollen, von vertrauten Seherfahrungen abweichenden Bildsprache konfrontieren und sie so vor besondere Herausforderungen stellen. Hier braucht es oft einen zweiten Blick und Vermittlungshilfen, um Besonderheiten wahrzunehmen und die Bildbotschaften zu entschlüsseln denn „visual literacy ist nicht weniger komplex als das Lesen eines Textes (Dehn 2014, S. 125).
Sehen als konstruktiver Prozess
Ähnlich wie beim Lesen von Schrifttexten kommt dem Rezipienten auch beim Sehen von Bildern eine besondere Rolle bei der Konstruktion von Bedeutung zu. Bilder sind nicht selbstverständlich, sondern entstehen zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was der Betrachter oder die Betrachterin bei der Rezeption der Darstellung vor dem Hintergrund seines Wissens entnimmt.
Bilder können Imaginationen hervorrufen und so innere Bilder entstehen lassen. Dabei ist das, was der Betrachter als inneres Bild abspeichert, kein Abbild dessen, was er oder sie tatsächlich wahrgenommen hat. Je nachdem wie intensiv die Auseinandersetzung mit einer visuellen Darstellung ist, kann das imaginierte Bild eher lückenhaft und unscharf sein oder über weit mehr Details verfügen, als realiter wahrzunehmen sind. Dies hängt mit den unterschiedlichen Weisen des Sehens zusammen.
Beim Betrachten von Bildern lassen sich im Wesentlichen zwei Dimensionen des Sehens unterscheiden (vgl. Uhlig 2014; Dehn 2014; Neisser 1974): das präattentative (wiederkehrende) Sehen und das attentative Sehen, der zweite Blick. Im ersten Fall wird das Bild schnell überblickt, vertraute Elemente werden entdeckt und im Gehirn mit den individuellen, auch literar-ästhetischen Seherfahrungen und dem Wissen abgeglichen. „Bildwahrnehmung ist immer auf ‚Normalisierung gerichtet (Dehn 2014, S. 126). Gelingt diese auf den ersten Blick, dann ist eine weitere Beschäftigung mit dem Bild unwahrscheinlich. Als inneres Bild werden in einem solchen Fall nur prägnante Merkmale festgehalten, die es ermöglichen, den visuellen Eindruck im Groben zu rekonstruieren.
Lässt sich das Sichtbare jedoch nicht so leicht erkennen oder zu Bekanntem in Beziehung setzen, irritiert es vielleicht durch besondere Farben und Formen, dann kann der Betrachter zu einer intensiveren Auseinandersetzung, also einem zweiten Blick, angeregt werden. Hier geht es um die Ausdifferenzierung des Wahrgenommenen, etwa indem der Betrachter versucht, sich in eine Figur hineinzufühlen, über den Fortgang der Handlung nachzudenken oder Leerstellen zu füllen. In diesem Fall kann das imaginierte Bild auch detaillierter sein, als das eigentlich sichtbare.
Der erste Blick
Um die Komplexität der Informationen in einem Bild bewältigen zu können, fokussiert der Betrachter zunächst einen Blickpunkt. Dieser liegt in der Regel im Zentrum des Blickfeldes und wird häufig durch Farben, Formen oder Kontraste als eye catcher inszeniert. Allerdings fällt der erste Blick nicht zwingend auf das auffälligste Bilddetail. Gerade Kinder tendieren dazu, solche eye catcher zu ignorieren und je nach individueller Bedeutsamkeit ihre eigenen Schwerpunkte zu setzen, etwa indem sie gezielt nach Menschen oder Tieren Ausschau halten oder auf bestimmte Farben aufmerksam werden (vgl. Uhlig...

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