1. – 6. Schuljahr

Nikolaus Heidelbach

Was man Kindern zeigen kann

Wider die Bevormundung von Kindern1

Der renommierte Bilderbuchkünstler Nikolaus Heidelbach berichtet im Rahmen einer Poetikvorlesung in Halle von eigenen Kindheitserfahrungen mit Bildern und spricht über das, was man Kindern zeigen kann und auch darf. Sein wichtigster Appell: ein Umgang auf Augenhöhe.

„Wenn dein Bisschen schon nichts Sonderbares ist, dann sag es doch ein bisschen sonderbar.
Georg Christoph Lichtenberg
Prägende Bilder
Ich habe am meisten erzählt bekommen von meiner Mutter. Ich habe vier Geschwister, also man muss sich immer wenigstens fünf Leute vorstellen, die um Mutter herumsitzen. Meine Mutter hatte einen riesigen Fundus von Geschichten, die sie auswendig erzählt hat. Märchen zum Beispiel.
Vor acht, neun Jahren gab es eine Wiederauflage der Übersetzung von 1001 Nacht und ich habe Formulierungen wörtlich wiedererkannt, die ich aber nie gelesen habe, sondern die meine Mutter beim Erzählen benutzt hat. Wie sie das gemacht hat, weiß ich nicht, aber das hat mich tief beeindruckt.
Das erste Bilderbuch, das einen immensen Eindruck auf mich gemacht hat, war „Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten, und das ist bis heute für mich ein Vorbild. Wenn man auf der fünften Seite die Mutter des kleinen Helden erschießen lässt, gehört dazu einiger Mut. Das ist doch mal ein Anfang für ein Bilderbuch!
Ich weiß bis heute, dass es auf dieser Doppelseite zehn kleine Tränen gibt, die dieser kleine Elefant weint. Ich weiß, dass es einen Kolorierungsfehler gibt, an beiden Beinen der Mutter, die da tot liegt, und ich weiß, dass die Lust, diese Seite verzögert aufzuschlagen und dann eben doch anzugucken, eine ganz frühe bei mir war.
Deswegen vertrete ich bis heute die Ansicht, dass es eben auch bei Kindern so etwas wie eine Lust gibt, sich in Traurigkeit hineinzuversetzen. Sie denken: „Ich weiß, die Traurigkeit ist nur im Buch, und wenn ich es zumache, bin ich da wieder draußen. Es gibt bis heute Leute, die bestreiten, dass das bei einem Kind vorkommt. Das sind meine Gegner.
Kindliche Gefühlslüste
Ich bin ein Vertreter von Gefühlslust. Dazu gehört die Angstlust, die jeder Erwachsene kennt, die Kinder aber auch zeigen. Es gibt eine Trauerlust, eine Melancholielust, all diese Dinge, über die verfügen Kinder, und zwar zum Teil sehr bewusst. Wenn man mit Kindern spricht und ein Kind sagt: „Das Bild will ich nicht sehen. Dann sagt man zu dem Kind: „Gut, dann eben nicht.
Ich habe Kindern über Jahre vorgelesen. Eins meiner Lieblingsbücher ist „Zeraldas Riese von Tomi Ungerer. Das fängt auf der ersten Seite mit diesem Riesen an, von dem es heißt: „Der frisst Kinder. Vorn ist ein kleiner Käfig dargestellt; man sieht eine Kinderhand, die sich von innen an einem Stab festhält.
Ich habe mehrere Kinder gekannt, die sind über diese Seite nie hinausgekommen. Die wollten wissen, wer das ist, der Kleine, der da im Käfig sitzt. Und wenn man denen gesagt hat: „Ja, das ist der Nächste, den der Riese frisst. Buch zu Schluss. Und es gab die anderen Kinder, die gesagt haben: „Weiter, weiter, weiter, und mit einem gewissen Vergnügen gesehen haben, wie dieser Riese in die Stadt kommt, alle Kinder versteckt werden und er natürlich trotzdem ein paar im Sack mitnimmt.
Ich weiß, dass man über Bücher auch streiten kann, aber bitte an der richtigen Stelle. Ich finde die Bevormundung von Kindern nicht akzeptabel, außer es geht wirklich um sinnlose Grausamkeiten oder Effekthascherei. Aber das muss man ästhetisch an jedem einzelnen Beispiel festlegen.
Unzensierte Bücher
Ich bin mir bei meinen Arbeiten für Kinder absolut sicher, dass ich nicht etwas aufnehme, was nichts darin zu suchen hat, sondern umgekehrt. Ich bin der Auffassung: Ich darf, je nachdem, welche Geschichte ich erzähle, nichts auslassen. Deswegen kommt bei mir Sexualität vor, deswegen kommt Bösartigkeit vor, aber nur im Spektrum von dem, was man auch in einer...

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