4. – 4. Schuljahr

Mareike Schulz

Ein Kind und (k)ein Hund

Literar-ästhtetisches Lernen mit einer Bilderbuchgeschichte

Wie kann man im Bild etwas entdecken, das es nicht gibt? Und wie lässt sich Unsichtbares sichtbar machen? Solche Fragen sind Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit „Der Hund, den Nino nicht hatte. Dabei geht es um genaue Bildwahrnehmung, das Aushandeln von Deutungen und das Imaginieren im Rahmen kreativer Schreibprozesse.

Ein Spiel mit Deutungsvarianten
Schon der Titel des Bilderbuchs „Der Hund, den Nino nicht hatte offeriert verschiedene Lesarten (Kasten 1). Er wird zum Gegenstand des Einstiegs in die Unterrichtssequenz. Gemeinsam mit einer Partnerin oder einem Partner antizipieren die Kinder, worum es in dem Buch wohl geht. Der anschließende Austausch im Plenum zeigt die unterschiedlichen Deutungsvarianten auf, führt zu Nachdenklichkeit und provoziert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit für das Buch.
1|Zum Bilderbuch
1|Zum Bilderbuch
„Der Hund, den Nino nicht hatte von Edward van de Vendel, illustriert von Anton van Hertbruggen, erzählt die Geschichte des Jungen Nino und seines imaginären Freundes auf vier Pfoten. In seiner Gesellschaft hat Nino vor nichts mehr Angst und ist nicht mehr allein. Zum Geburtstag bekommt Nino dann einen echten Hund geschenkt und dieser verhält sich eben nicht wie sein imaginäres Wunschbild.
Das Bilderbuch geht auf die kindliche Vorstellungskraft ein und thematisiert die Freundschaft zwischen Tier und Mensch. Die Geschichte spielt in einer idyllischen, naturnahen Vorstadtsiedlung, der Stil vermittelt eine nostalgische Stimmung vergangener Tage durch kleine Details. So erinnern beispielsweise das altmodische Radio der Uroma oder die kantige Bauweise des Autos der Familie an die 1980er-Jahre. In den Illustrationen dominieren eher dunkle Erdfarben und schaffen eine Dämmerungsatmosphäre ähnlich der Traumphase zwischen Tag und Nacht. Sie lassen die Fantasien des Jungen, die im Bild nicht koloriert werden, lebendig erscheinen. Der Text ist kurz und knapp, fast schon im Telegrammstil verfasst und erzählt nur das Wichtigste. Bild und Text stehen dabei komplementär zueinander. Gerade dieses intensive Zusammenspiel von Bild und Text, die detaillierten Bildinformationen und die Leerstellen im Text werden zum Gegenstand einer Unterrichtssequenz, in der vor allem die Bilder gemeinsam entdeckt werden.
Entdeckungsreisen im Bild
Im nächsten Schritt bekommen die Kinder eins von acht ausgewählten Bildern aus dem Buch und den Auftrag, in Kleingruppen ihr Bild genau zu betrachten und zu ergründen gleich einer Entdeckungsreise im Bild (Abb.1 ). „Sehen ist immer auf das Herstellen von Beziehungen und Sinnzusammenhängen, auf Generieren von Bedeutungen gerichtet (Dehn 2014, S. 126). Entsprechend lautet die Aufgabe: Betrachte das Bild genau. Welche Geschichte erzählt es?
Die ausgewählten Illustrationen stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sinnmöglichkeiten können auch in Unbestimmtheit oder Ungewissheit liegen. Welche Wirklichkeiten erzeugen sie? Was wird sichtbar und was bleibt unsichtbar (vgl. Dehn 2014, S. 128)? Gerade der Austausch in kleinen Gruppen über die Bilder kann hier produktiv werden. Die Geschichte von Karl, Franz und Maria gibt Auskunft über ihr Verständnis des Bildes (Kasten 2): Offensichtlich sind die Kinder irritiert und wissen nicht, wie sie das Bild verstehen sollen: Darauf weisen die Formulierungen „komische Geschichte, „Karneval sowie die Phrase „oder so was hin. Ihre Geschichte ist eine mögliche Deutungsvariante, auf die sie sich geeinigt haben. Die Flamingos fallen den Kindern ins Auge, dazu entwickeln sie Vorstellungen und Ideen. Ihre Deutungen und ihr Weltwissen verflechten sich ineinander: So wird die Situation mit dem Reisen (Koffer) assoziiert oder die Uniform dem Beruf des Polizisten zugeschrieben.
Aber gerade die Uniform irritiert die Kinder auch die Art und Weise, wie sie getragen wird, entspricht nicht dem verbreiteten Bild eines...

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