1. – 6. Schuljahr

Ines Storch

„Das find ich spannend, jetzt hab ich das gecheckt

Wertungshandeln aus der Perspektive von Kindern

Einen Text lesen heißt, ihn bewerten. Und bei einem textlosen Bilderbuch? Hier wird aufgezeigt, welche Maßstäbe und Kriterien für die Wertung Grundschulkinder während der Bilderbuchbetrachtung formulieren. Dabei steht die Frage nach der Wechselwirkung zwischen literarischer Wertung und Textverstehen im Fokus.

„Herr Schnuffels ein textloses Bilderbuch
David Wiesners „Herr Schnuffels (engl. „Mr Wuffles, 2014), wird 2015 in der Sparte Bilderbuch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet (Abb.1 ).
Warum? Es ist keine niedliche Katzengeschichte, wie das Cover vermuten lässt, sondern eine actionreiche Mischung aus Bilderbuch und Comic. Man folgt dem rasanten Abenteuer einer Gruppe Außerirdischer, die direkt vor der Nase des Hauskaters Herr Schnuffels stranden und denen mit der Hilfe von Ameisen und eines Marienkäfers schließlich die Flucht gelingt.
Der Clou: Die Figuren kommunizieren in einer unbekannten Sprache aus geometrischen Formen und wilden Schraffuren miteinander. Damit werden die vertrauten Sprechblasen in ihrer Funktion verfremdet und gleichzeitig werden „Wahrnehmung und Denken des Lesers [] durch diese Abweichungen und Normbrüche irritiert und können sich so aus alltäglichen Mustern befreien (von Heydebrand/Winko 1996, S. 125).
Außerdem bietet Wiesner durch die Bilder verschiedene Erzählperspektiven an. Zwar dominieren die personalen Erzählsituationen aus Sicht der Aliens, aber es gibt auch die Ich-Perspektive durch den Zoom auf eine Figur oder die auktoriale Perspektive durch distanzierte Daraufsichten.
Auch Bewegungs- und Zeitabläufe werden in den Bildern festgehalten. So verraten etwa Größe und Anordnung der Panels, ob die erzählte Zeit verzögert oder beschleunigt wird. Interpiktoriale Verweise verbinden zudem die fantastische Welt im Buch mit der realen Welt (vgl. Krichel 2017, S. 16).
Wertungshandeln in zwei Schritten
Zunächst haben die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit zu einer möglichst ungesteuerten und deutungsoffenen Erstbegegnung mit dem Buch. In Kleingruppen tauschen sie sich frei und assoziativ zu ihren ersten Rezeptionseindrücken aus. Ihnen bedeutsame Stellen markieren sie mit Haftnotizzetteln im Buch. Ihre Fragen und Kommentare können so als „persönliche Lesespuren (Ritter/ Ritter 2013, S. 129) festgehalten werden. Anschließend fassen sie den Inhalt der Geschichte zusammen. So zeigt sich, inwieweit sie die Erzählstruktur erfasst haben oder welche Stellen schwer verständlich sind. Weitere Werturteile werden herausgefordert, wenn die Kinder Buchszenen aufzeigen, die ihnen besonders gefallen oder eben nicht gefallen haben. Außerdem geben sie an, was dem Autor ihrer Meinung nach gut oder weniger gut gelungen ist.
In einer zweiten Begegnung mit dem Buch fassen die Kinder den Inhalt der Geschichte und damit ihre bereits gewonnenen Leseeindrücke wiederholend zusammen. Die Gesprächsleiterin hält sich hier zurück, geht aber mit Nachfragen auf die Äußerungen der Kinder ein. Daran schließt sich das gemeinsame Betrachten des Buches mit der Gesprächsleiterin an. Sie lenkt durch gezielte Fragen die Aufmerksamkeit der Kinder auf Besonderheiten im Buch und gibt dem Gespräch eine Struktur. Die Schüler setzen sich so mit der komplexen Erzählstruktur vertiefend auseinander, wodurch neue Deutungsmöglichkeiten gewonnen oder alte verworfen werden können.
Außerdem wird eine Situation geschaffen, in der aus spontanen, unbewussten emotionalen Reaktionen explizite Wertungen erwachsen, die der sprachlichen Artikulation und Reflexion zugänglich werden (vgl. Zabka 2013, S. 4). „Diese Bewertung eröffnet Einblicke in die Vorstellungswelt der Figuren und in die Figurenkonstellation und [] ermöglicht somit interpretative Zugänge (Volz 2014, S. 25).
Wertmaßstäbe
Auf die Frage, was ihnen an dem Buch besonders gefallen hat, konzentrieren sich Elisa und Philipp auf...

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