1. – 6. Schuljahr

Alexandra Ritter

Bilderbücher entdecken, erleben und nutzen

Vielseitige Lektüren anregen

Erzählende Bilderbücher üben durch die Kombination von Text und Bild eine große Faszination aus. Ihr literar-ästhetisches Potenzial eröffnet Raum für neue Erfahrungen und Erkenntnisse, für Imagination und Kreativiät. Ein vielseitiger und offener Austausch über Bilderbücher kann Lerngelegenheiten für alle Kinder bieten.

Das Bilderbuch als multimodaler Text
In der Bilderbuchforschung werden Bilderbücher als multimodale Texte bezeichnet (vgl. Sipe 2008). Darunter ist das Zusammenspiel verschiedener Modalitäten wie Sprache, Bild und Typografie zu verstehen. In digitalen Bilderbuch-Apps kommen noch andere Modalitäten hinzu wie Geräusche, Musik oder gesprochene Sprache.
Bilderbücher stellen so andere Anforderungen an die Leserinnen und Leser als allein schrift- oder bildbasierte Texte, da erst unter Berücksichtigung von (Schrift-)Sprache, Bild, Typografie und Materialität Bedeutungen konstruiert werden. Dabei fügen sich die beteiligten Modalitäten nicht einfach additiv, sondern vielmehr sich gegenseitig ergänzend und erweiternd zusammen. Mitunter sind es auch Diskrepanzen zwischen Bild und Text, die zu einer Pointe in einer Geschichte führen. Die Leserinnen und Leser werden so aktiv in die Rezeption von Bild und Text einbezogen und zur Bedeutungskonstruktion angeregt. Verdeutlichen lässt sich das an dem Bilderbuch „Wo ist mein Hut von Jon Klassen (2012; Abb.1 ).
Hier ist der Bär auf der Suche nach seinem Hut und fragt die Tiere, ob sie ihn gesehen haben. Der Hase antwortet zwar wie die anderen Tiere, dass er nicht wisse, wo der Hut sei, doch im Zusammenspiel von Bild und Text wird deutlich, dass der Hase anscheinend mehr weiß, als er zugeben möchte. Er spricht davon, überhaupt keine Hüte gesehen zu haben und auch keine zu stehlen. Dabei trägt er einen roten Hut (Abb. 1).
Das löst bereits beim Lesen Irritationen aus, dem Bären fällt an dieser Stelle allerdings noch nichts auf. Den Leserinnen und Lesern helfen die Informationen, die Aussage des Hasen richtig einzuordnen und eine Deutung zu entwickeln. Dabei muss sehr viel Kontext einbezogen werden, weil die Geschichte diesen Denkschritt nicht explizit thematisiert. Dieses Beispiel macht deutlich, dass Sprache und Bild sich nicht nur wechselseitig ergänzen, sondern durchaus auch (produktiv) widersprechen können.
Besonderheiten der Bilderbuchästhetik
Um diese Komplexität der Erzählstrategien erfassen zu können, schlägt Michael Staiger ein Modell der Bilderbuchanalyse in fünf Dimensionen vor (vgl. Grafik ), auf das hier nur knapp verwiesen werden kann. Die narrative Dimension blickt auf das, was im Bilderbuch erzählt wird (die Geschichte) und wie es erzählt wird (die Gestaltung). Die bildliche Dimension nimmt die visuelle Darstellung, das Design und die Typografie in den Blick. Die verbale Dimension beschäftigt sich mit der sprachlichen Gestaltung des Bilderbuchs.
Das Zusammenspiel der beiden letztgenannten Dimensionen führt zur intermodalen Dimension, die das wechselseitige Verhältnis von Bild und Schrifttext betrachtet. Schlussendlich rahmt das Modell die paratextuelle und materielle Dimension, die sich mit den Begleittexten des Buches (z.B. den Informationen zu den Bilderbuchkünstlern und -künstlerinnen) und der Materialität des Bilderbuchs befasst (vgl. Staiger 2014, S. 13). Eine solche mehrdimensionale Betrachtung sensibilisiert für die Besonderheiten von Bilderbüchern.
Auf einige spezifische Phänomene soll im Folgenden noch einmal gesondert eingegangen werden.
Bildgestaltung und Typografie
Die Bildgestaltung wird von Werken der bildenden Kunst, aber auch von anderen visuellen Bezugsmedien wie Comic, Film oder Drama beeinflusst (vgl. Oetken 2017). Die Illustratorinnen und Illustratoren experimentieren mit einer Vielfalt von Ausdrucksformen, etwa durch Techniken wie Collage, Fotomontage oder diverser Mischtechniken, den Möglichkeiten digitaler...

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